
Der Islam nimmt nur einen kleinen Platz neben dem Christentum in Deutschland ein. Aber er gibt immer wieder wichtige Impulse und kluge Köpfe. Bild: Joschua Simon-Liedtke.
Gleich zu seinem Amtsantritt ließ der neue Innenminister der Bundesrepublik Deutschland folgenden Satz fallen:
Daß der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der [Geschichte] nicht belegen läßt.
Lassen uns mal einen Blick auf die Geschichte werfen.
Zur Zeiten der alten Römer wurde mit Strichen und Buchstaben gezählt und gerechnet. Das sah in etwa so aus:
Unseres heutiges Zahlensystem mit arabischen Ziffern (0,1,2,3,4,5,6,7,8,9) kommt ursprünglich aus Indien. Es kam in der Zeit des Mittelalters nach Europa und Deutschland durch Vermittlung des islamischen Kulturkreises (vlg. wikipedia/arabbische-zahlen). In dieser Zeit war der islamische Kulturkreis Vorreiter auf den Gebiet der Wissenschaft und Kultur.
Zum Beispiel auch auf dem Gebiet der Alchemie, das man als direkten Vorgänger unserer modernen Chemie bezeichnen kann. Die deutschen Unternehmen Bayer und BASF haben der islamischen Welt quasi die Herkunft ihrer Geschäftsgrundlage zu verdanken.
Wie groß der Einfluß der islamischen Welt zu dieser Zeit noch war, zeugen zahlreiche deutsche Wörter arabischer Herkunft wie zum Beispiel Alkohol, Amalgam, Alkali, Elixir, Zucker, Orange, Admiral, Tarif, Arsenal, Ziffer, Haschisch um nur einige zu nennen*.
Das sind Wörter, die wir selbstverständlich benutzen. Ihren Ursprung haben sie in der islamischen Welt. Auch sonst haben wir der islamischen Kultur viel übernommen. Die Märchen von 1001 Nacht, Ali Baba und die 40 Räuber, Alladin und die Wunderlampe kennt jedes Kind in Deutschland. Goethe vollendete 1819 den “West-östlichen Divan“, der stark von der islamischen Kultur beeinflußt war.
Neben diesen kulturellen Einflüssen der islamischen Welt, war der Islam auch schon lange physisch in Europa präsent, das heißt es gab immer praktizierende Muslime in Europa. Man denke nur an die Mauren in Spanien und das osmanische Reich, das sich bis weit auf den Balkan erstreckte.
In Deutschland gibt es spätestens seit den 1960er Jahren eine ständige wachsende Geminde muslimischer Mitbürger. Am sichtbarsten sind heute die knapp drei Millionen Bürger mit türkischen Wurzeln, die teilweise schon in der dritten Generation in Deutschland leben.
Das ist kein flüchtiges Phänomen. Es sind Menschen, die gekommen sind, um zu bleiben. Es sind Mitbürger, die unter anderem gekommen sind, weil die deutsche Wirtschaft sie braucht, und die weiterhin wichtig für die deutsche Wirtschaft sind. Als Akademiker die bei BASF in der Forschung arbeiten, als gut ausgebildete Fachkräfte, als Arbeiter bei der Daimler in Untertürkheim (der Name hat nichts mit der Türkei zu tun). Mit Cem Özdemir im Bund und Tarek Mohamed Al-Wazir in Hessen gibt es erstmals auch deutsche Spitzenpolitiker mit islamischen Hintergrund.
Spätestens seit 50 Jahren ist der Islam auch personell fester Bestandteil der Bundesrepublik Deutschland. Vergleichen läßt sich die Stellung des Islams mit dem Judentum zum Beginn der Weimarer Republik: Es ist der Glaube und die Kultur einer Minderheit, die der Mehrheitsgesellschaft wichtige Impulse und große Köpfe gibt. vom Islam gingen in der Vergangenheit immer wieder wichtige Impulse aus, von denen Europa und Deutschland profitiert haben. In dieser Stellung wird sich der Islam in Zukunft weiter festigen.
Zu behaupten, der Islam sei nicht Teil der deutschen Geschichte ist kulturell und intelektuell betracht falsch.
[Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Arabische_Zahlen, http://de.wikipedia.org/wiki/West-%C3%B6stlicher_Divan, http://de.wikipedia.org/wiki/T%C3%BCrkeist%C3%A4mmige_in_Deutschland, *Lomheim, Sylfest (2002). "Språkteigen". Oslo: Det Norske Samlaget.]